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Jury im Kino © Claudia Meiners

Stefan Gieren über seinen Job als Produzent, das abgedreht Festival und junge Filmschaffende

Stefan Gieren hat an der Hamburg Media School studiert, ist Filmproduzent aus Hamburg und war 2017 Mitglied der Jury bei angedreht - Hamburgs Nachwuchsfilm Festival. Das Mediennetz Hamburg hat mit ihm über seinen Weg zum Film, sein aktuelles Filmprojekt und junge Filmschaffende gesprochen.

Mediennetz Hamburg: Stell dich doch mal kur vor, wer bist du und was machst du?

Mein Name ist Stefan Gieren, ich bin Filmproduzent aus Hamburg, der sich auf jungen Autorenfilm spezialisiert hat und für seine Filme gerne mal in ferne Länder wie Indien, Afghanistan, Libanon oder Chile verreist. Ich habe das Glück, mit diesen Filme viel Anerkennung zu erhalten. So bin ich in diesem Jahr schon zum zweiten Mal mit einem Spielfilm auf der Berlinale vertreten. Ich habe auch schon zwei Studentenoscar-Gewinner produziert und war selbst einmal für den „großen“ Oscar nominiert in der Kategorie „Bester Kurzfilm".
 
Im letzten Jahr habe ich aber meinen ersten Langspielfilm „zuhause“ gemacht: Für den Norddeutschen Rundfunk habe ich einen Mystery-Thriller über das ehemalige Hamburger Chinesenviertel in der Schmuckstraße produziert, der später in diesem Jahr im Fernsehen laufen wird.
 
Wie war dein Weg in die Medienbranche, was hat dich da als Kind, Jugendlicher, junger Mensch besonders beeinflusst und gefördert?
 
Ich bin in Süddeutschland in einem kleinen Dorf aufgewachsen und hatte das Glück, dass es an unserer Schule eines der besten Schultheater Deutschlands gab. Die Arbeit auf der Bühne, an Stücken und der Kunstlehrer, der das geleitet hat, waren eine große Inspiration. 
 
Noch in der Schule habe ich dann angefangen, selbst zu schreiben. Auch mal einen kleinen Film zu drehen. Studieren wollte ich dann aber etwas „handfestes“ und bin für ein Ingenieursstudium zur Medientechnik nach Hamburg gekommen. Da habe ich dann meine ersten Projekte auf die Beine gestellt und festgestellt, was es für einen riesigen Spaß macht, dafür zu sorgen, dass ein 30-40-köpfiges Team nahtlos an einer gemeinsamen Sache zusammenarbeiten kann, um etwas Neues, Besonderes entstehen zu lassen. Da war klar, ich will Produzent werden und habe ein Masterstudium zur Filmproduktion an der Hamburg Media School drauf gepackt.
 
Du warst 2017 Jury-Mitglied beim abgedreht – Nachwuchsfilm Festival. Wie hast du die Arbeiten der jungen FilmemacherInnen wahrgenommen?
 
Das Besondere am abgedreht-Festival ist die große Bandbreite an Filmen. Da konkurrieren Zwölfjährige, die im Urlaub mit Papas Videokamera einen Film machen, mit Filmstudenten, die mit großen Budgets ausgestattet sind. Da ist dann eben nicht mehr die technische Perfektion das, was einen Film preiswürdig macht, sondern einfach nur die Liebe zum Kino, die man dem Film ansehen muss. 
 
Filme, die in einem Amateur- oder Semiprofi-Kontext gedreht werden sind auch deswegen so erfrischend, weil die Macher ganz viele von diesen vermeintlichen „Filmregeln“ schlicht und einfach nicht kennen und ihre eigene Art und Weise finden, ihre Geschichten zu erzählen. Das ist toll. Denn in Wahrheit gibt es beim Film ja eigentlich nur eine Regel: Nimm die Figuren ernst, die Du auf der Leinwand in ihre Abenteuer schickst.
 
Du bist ja schon länger in der Filmbranche, hat sich für den Nachwuchs in den vergangenen Jahren etwas verändert? Ist es heutzutage einfacher geworden, eigene Filme zu produzieren? 
 
Meinen Abschlussfilm habe ich noch auf Kodak-16mm-Material gedreht. Seither haben die Digitalkameras das Filmemachen radikal demokratisiert. Es gibt wohl in Deutschland niemanden, der nicht selbst oder über Freunde eine 4k-fähige Kamera organisiert bekommt. Es ist so viel leichter geworden, technisch hochwertige Filme zu drehen. Das ist toll. Aber das ist auch nicht alles. Die Kamera macht noch keinen Film. Gute Geschichtenerzähler erkennt man schon auf dem Papier. Wenn man anfängt mit dem Filmemachen muss man sich freimachen von den vielen technischen Fragen, die sich dann stellen und sich ganz aufs Erzählen konzentrieren. Wer sich Tipps auf Youtube und in Foren sucht, erfährt viel über Brennweite, Tiefenschärfe, Licht, Sounddesign. Dabei sollte man sich viel intensiver mit den grundlegenden Fragen auseinandersetzen: Was will ich erzählen? Warum? Und wie? Warum stelle ich die Kamera hierhin? Warum setze ich einen Schnitt?
 
Man muss lernen, seine Figuren zu lieben und dass gutes Schreiben und gutes Schauspiel durch keine Steadicam oder Drohne dieser Welt aufzuwiegen ist. Die Filmemacher in den 70ern hatten viel weniger technische Möglichkeiten für ihre ersten Filme und waren dadurch viel näher am Wesentlichen. Das ist in der Tat heute schwieriger geworden
 
Welche Tipps hast du für Jugendliche und junge Erwachsene, die sich im Bereich Film professionalisieren wollen, zum Beispiel ein Filmstudium anstreben?
 
Filmemachen lernt man am besten beim Machen. Ich finde, man sollte jedes Gewerk beim Film einmal ausprobiert und verstanden haben. Schreiben, Spielen, Kamera, Inszenieren, Licht, Ton, Schneiden, Musik und ja, auch am Ende alle Belege aufzukleben und das Set aufzuräumen, wenn alle schon in ihren Betten liegen. Das alles gehört zum Filmemachen. Etwas davon gar nicht zu können, ist, als wollte man Schriftsteller sein und beherrscht das Alphabet nicht. Dabei geht es nicht darum, alles perfekt zu machen. Es gibt ja nichts besseres, als zu scheitern und am Ende verstanden zu haben, warum etwas nicht funktioniert hat. Nur so kommt man weiter. 
 
Wenn man sich dafür entscheidet, seine Zeit nicht hinter der Kamera, sondern in einem Hörsaal zu verbringen, muss man also verdammt gute Gründe dafür haben. Einer kann zum Beispiel sein, dass eine Filmhochschule eine gute Bühne ist. Redakteure, Förderer, Produzenten gucken auf die Abschlussfilme weil sie irgendeine Vorauswahl treffen müssen. Wahrgenommen wird man aber meistens nur auf einer der sieben offiziellen - das heißt im Cilect-Verband registierten deutschen Filmhochschulen - das ist in Hamburg die HMS, die HFFs in Potsdam und München, die DFFB in Berlin, Ludwigsburg und die IFS und die KHM in Köln. Deren Auswahlverfahren sind entsprechend hart. Aber das lohnt sich. Die haben zum Teil feste Budgets, Equipment und es ist unglaublich inspirierend, seine Zeit mit Leuten zu verbringen, die für das Filmemachen genauso brennen wie man selbst.
 
Was Lehrer und Eltern wohl gar nicht gerne hören: Auf die Noten kommt es dabei gar nicht so sehr an. Was zählt ist die Leidenschaft für’s Erzählen und das Talent, immer wieder auf die Schnauze zu fliegen. Ich habe einen ziemlich guten Abischnitt und zwei Studiengänge mit Auszeichnung abgeschlossen - und mich hat noch nie jemand nach einem Zeugnis gefragt.
 
Du arbeitest als Produzent und entwickelst neue Formate und Filmideen. Was sind deine Aufgaben als Produzent und was ist für dich das Reizvolle daran?
 
Der Produzent ist sowas wie der CEO bei einem Startup. Ich trommle die Leute zusammen, von denen ich denke, dass sie das richtige Team für einen Filmstoff sind. Und habe dann die nicht ganz einfache Aufgabe, das Geld dafür aufzutreiben, damit alle arbeiten können. Das klappt mal besser und mal schlechter. Aber wenn es klappt, bin ich in der glücklichen Position, überall meine Nase reinstecken zu dürfen und zu allem meinen Kommentar abgeben zu können. Ich bin der, der alle Nerven darf, wenn irgendwas nicht gut ist und der es ausbügeln muss, wenn etwas vergessen wurde. Ich muss auch darauf achten, dass bei allem Stress keiner unter die Räder kommt, denn ein Team funktioniert nur, wenn alle zusammen an den Film glauben. Meine wichtigste Aufgabe ist es, dieses Team zusammen zu halten und dafür zu sorgen, dass jeder optimale Bedingungen zum Arbeiten hat - denn immerhin tragen bei einem Film ganz viele einzelne Künstler ihr Können zu einem großen Ganzen zusammen. Mir gefällt der Gedanke, dass ich nicht sehr viel mehr brauche als mein Telefon und einen Notizblock, um fantastische Dinge entstehen zu lassen. Dabei auch noch mit so vielen spannenden Menschen zu tun zu haben, finde ich ein ziemliches Privileg.
 
Warum ich mich überhaupt für eine bestimmte Filmidee begeistere oder entscheide, das ist schwer zu sagen. Am Anfang steht immer irgendwo ein Text, der mich berühren muss. Figuren, für die ich mich interessieren muss. Am Ende entscheidet man sich ja aber für einen Film, an dem man vielleicht 2-3 Jahre zusammen arbeitet. Deswegen habe ich mir eigentlich vorgenommen, nur noch mit engen Freunden zusammen zu arbeiten - oder mit Menschen, die das einmal werden könnten. Das klappt bis jetzt eigentlich ganz gut.
 
Wie wichtig ist es insbesondere für junge Filmschaffende, ihre Filme auf Festival zu zeigen, sie da vorzustellen, darüber zu reden?
 
Filmfestivals sind wie ein warmes Nest für junge Filmemacher. Der Weg in die Multiplex-Kinos ist ziemlich weit und steinig und nicht alle Filme gehören da hin. Auf Festivals finden aber auch Filme ein Zuhause, denen der kommerzielle Druck im Fernsehen oder im Kino zu groß ist. Wenn der eigene Film auf einem Festival läuft, sollte man unbedingt hingehen. Da lernt man wie die Branche funktioniert und man trifft die Leute, mit denen man vielleicht in 3-4 Jahren gemeinsam Filme macht. Das Feedback des Publikums zu bekommen und anzunehmen, ist vielleicht manchmal hart - aber unglaublich wichtig. Immerhin machen wir Filme nicht für uns, sondern für ein Publikum.
 
Aufpassen sollte man vor den vielen Festivals, die hohe Einreichgebühren verlangen und die dann in der Branche keiner kennt. Für ein paar Lorbeeren auf dem Filmposter versenken vor allem Einsteiger manchmal ein Vermögen an Einreichgebühren. Eine Frage, die man sich ernsthaft stellen muss ist: „Auf welchen Festivals wird mein Film überhaupt wahrgenommen?“. Relevant sind nur einige wenige Festivals - die A-List-Festivals - Berlin, Cannes, Venedig, Toronto, Sundance, Karlovy Vary, San Sebastian, Rotterdam und einige andere. Diese Festivals haben dann Tausende von Einreichungen. Es ist wahnsinnig schwierig, einen Film dort zu platzieren. Auch, weil man erst verstehen muss, dass es nicht DEN guten Film gibt. Jedes Festival hat eine ganz eigene Handschrift. Es dauert Jahre, bis man herausfindet, welcher Film auf welches Festival passt. Und oft genug fallen gute Filme auch einfach nur so durch’s Raster.
 
Es lohnt sich auch, ohne Film einfach mal auf Festivals zu fahren und sich die Filme dort anzuschauen. Nicht zuletzt auch gerade wegen der Filme. Man kann immer wertvolle Kontakte knüpfen, selbst wenn man keinen Film im Wettbewerb hat. Wer nicht weit reisen kann, sollte sich in Deutschland und den angrenzenden Ländern die Festivals raussuchen, die Filmmärkte und Veranstaltungen haben, die sich an die Filmindustrie wenden. Da trifft man die Profis und die sind da nahbarer und offener als zuhause in ihren Büros. 
 
Hamburg hat eines der renommiertesten Kurzfilmfestivals weltweit. Da kommen Festivalmacher aus aller Welt, um dort nach Filmen zu suchen. Das Max-Ophüls-Festival ist der Gradmesser für Fernsehredakteure. Das Berlinale-Kurzfilm-Programm hat mehr Mut zu innovativen Erzählformen. Man darf aber auch die vielen kleinen Festivals nicht vergessen. Mein liebstes Kurzfilmfestival überhaupt ist vermutlich auch das kleinste - die Wendlandshorts. Da laufen handverlesen die jeweils spannendsten Erstlingsfilme des aktuellen Jahres und ein Film wird auch nur eingeladen, wenn die Filmemacher da sind. Da guckt man dann Filme in einer Scheune und diskutiert auf dem Hofplatz in der Sonne über die Welt und das Filmemachen. Sowas muss man erlebt haben. Das gehört zum Filmemachen einfach dazu.
 
An welchem aktuellen Projekt arbeitest du gerade?
 
Gerade arbeite ich an dem Film WHATEVER HAPPENS NEXT von Julian Pörksen. Ein Roadmovie über einen Aussteiger, der sich auf das Abenteuer einlässt, sich vom Zufall durch’s Leben treiben zu lassen. Sein Weg führt ihn nach Leipzig, weiter nach Polen und schließlich zu einem Showdown nach Kiel. Wir haben diesen Film im August mit viel zu wenig Geld, aber dem tollsten Team der Welt gedreht und haben jetzt die Einladung zur Berlinale erhalten - dabei ist der Film noch gar nicht fertig. Also arbeiten wir gerade alle mit Hochdruck an der Postproduktion. Ende Februar wird der Film seine Uraufführung in Berlin haben und dann - einige Monate später ins Kino kommen.
 
Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit deinen Filmen!
 
Foto: Claudia Meiners
 

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